Florian Voit und Christoph Spinner, München
HIV-Versorgung virtuell:
Chancen, Grenzen und Perspektiven

Virtuelle Versorgung wird die HIV-Medizin sehr wahrscheinlich nicht ersetzen. Sie kann aber helfen, bestehende Strukturen sinnvoll zu erweitern – insbesondere dort, wo der Bedarf hoch ist und Zugangsbarrieren bestehen.

Die Gesundheitsversorgung steht unter wachsendem Druck: Während die Kosten weiter steigen, bleiben personelle Ressourcen begrenzt, zugleich nehmen die Erwartungen an Zugänglichkeit und Flexibilität zu. Effizienz ist damit längst nicht mehr nur eine ökonomische Kategorie, sondern eine Voraussetzung tragfähiger Versorgung. Gerade in der HIV-Medizin, in der viele Betreuungsprozesse langfristig, wiederkehrend und teilweise standardisierbar sind, bieten digitale Versorgungspfade und telemedizinische Elemente deshalb potentiell eine patientenfreundliche Chance zur Entlastung und Optimierung der Patientenversorgung.

Grenzen der Versorgung

Abb. 1 PrEP-Nutzung und geschätzter Bedarf in Deutschland (nach RKI)
Abb. 1 PrEP-Nutzung und geschätzter Bedarf in Deutschland (nach RKI)

Besonders deutlich wird dies am Beispiel der HIV-Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP). Die PrEP ist eine hochwirksame und etablierte Präventionsstrategie, ihr Potenzial wird in Deutschland aber bislang nicht ausgeschöpft. Aktuell nutzen etwa 40.000 Personen eine PrEP, während der Bedarf auf mindestens das Zweifache geschätzt wird.

Diese Lücke ist nicht Ausdruck mangelnder Wirksamkeit, sondern vor allem Folge struktureller und individueller Barrieren wie RKI-Analysen zeigen (Abb. 1). Die Betreuung von PrEP-Nutzenden erfolgt überwiegend in spezialisierten Schwerpunktzentren. Das sichert Qualität, bindet die Versorgung aber zugleich an spezifische Strukturen. Außerhalb größerer Ballungsräume kann der Zugang dadurch erschwert sein. Hinzu kommen Stigmatisierung im Kontext von HIV und sexueller Gesundheit, sprachliche Barrieren und ein eingeschränkter Zugang zu Informationen. Das betrifft insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund, die einen zunehmenden Anteil an HIV-Neudiagnosen ausmachen und über herkömmliche Versorgungswege oft nicht ausreichend erreicht werden.

Gerade an dieser Stelle werden digitale und telemedizinische Modelle relevant: nicht als Gegenentwurf zur bestehenden Versorgung, sondern als Möglichkeit, Reichweite und Zugänglichkeit zu verbessern.

Modellfall PrEP

Infobox
Telemedizin
Einzelne digitale Kontakte oder Leistungen, z. B. Video- oder Telefonkonsultationen.
Virtual Clinic
Strukturierter digitaler Versorgungspfad mit verknüpften Elementen wie Terminmanagement, Kommunikation, Diagnostik und Befundübermittlung.

Wenn man über virtuelle HIV-Versorgung spricht, ist die PrEP ein besonders naheliegender Anwendungsfall. Die Abläufe sind klar strukturiert: regelmäßige Kontrollintervalle, standardisierte Labordiagnostik und wiederkehrende Beratung. Hinzu kommt, dass es sich häufig um eine vergleichsweise junge, mobile und digital affine Nutzergruppe handelt.

Wenn sich solche Konzepte virtueller Betreuung hier bewähren, könnten sie perspektivisch auch für Menschen mit unkomplizierter HIV-Infektion im Rahmen standardisierter Verlaufskontrollen relevant werden.

Abstrich selbst machen

Ein zentrales Element virtueller Betreuung ist die Diagnostik. Grundsätzlich ist eine virtuelle PrEP-Betreuung auch ohne Selbstentnahme möglich, etwa über wohnortnahe Labore. Attraktiver wird das Modell jedoch, wenn diagnostische Prozesse direkt in den digitalen Versorgungspfad integriert werden ­können.

Unsere Arbeitsgruppe am TUM Klinikum rechts der Isar (und andere) konnten zeigen, dass Patientinnen und Patienten Abstriche, Urin und auch Kapillarblut zuverlässig selbst entnehmen können und dass diese Verfahren eine hohe Akzeptanz erreichen. Für sexuell übertragbare Infektionen ließ sich zudem zeigen, dass selbst entnommene Proben eine vergleichbare diagnostische Güte wie durch medizinisches Personal gewonnene Proben aufweisen. Die derzeit verfügbaren Verfahren zur kapillären Blutentnahme sind allerdings noch hinsichtlich des Probenvolumens limitiert.

Erste Erfahrungen

International sind virtuelle PrEP-Versorgungsmodelle längst Realität. In den USA gibt es bereits mehrere kommerzielle Anbieter. Im Vereinigten Königreich ist mit SH:24 eine weit entwickelte Plattform etabliert, die STI-Selbsttestung, Notfallkontrazeption und inzwischen auch eine virtuelle PrEP-Sprechstunde integriert. Das Angebot wird im NHS-Kontext öffentlich gefördert und kostenlos bereitgestellt.

Abb 2 Beispiel eines hybriden telemedizinischen PrEP-Versorgungspfads
Abb 2 Beispiel eines hybriden telemedizinischen PrEP-Versorgungspfads

Auch in Deutschland gibt es seit einigen Jahren Modelle der Heimtestung im Bereich HIV und STI. Ein Beispiel ist s.a.m health, ein gemeinsames Projekt der Deutschen Aidshilfe, das 2018 durch die Münchner Aids-Hilfe in Bayern als Pilot gestartet wurde und inzwischen bundesweit verfügbar ist. Nutzerinnen und Nutzer erhalten ein Testkit nach Hause. Eine telemedizinische PrEP-Betreuung oder STI-Therapie ist damit bislang jedoch nicht verbunden und berufsrechtlich auch nicht ohne weiteres möglich.

Damit zeigt sich auch in Deutschland, dass die Akzeptanz dezentraler diagnostischer Angebote grundsätzlich vorhanden ist. Vor diesem Hintergrund lag es nahe, erstmals einen vollständig virtuellen PrEP-Versorgungspfad im deutschen Versorgungskontext systematisch zu erproben.

Deutsche Pilotstudie

Erste prospektive Daten aus einer an unserem Zentrum durchgeführten randomisierten Pilotstudie wurden auf der EACS 2025 in Paris präsentiert. In der Studie wurden 100 etablierte PrEP-Nutzende über zwölf Monate entweder telemedizinisch oder im Standardmodell betreut. Der virtuelle Arm umfasste Selbstentnahme von Biomaterialien, digitale Befundübermittlung und bei Bedarf eine Videosprechstunde. Die bisherigen Ergebnisse sprechen dafür, dass ein virtueller Versorgungspfad im deutschen Setting technisch gut umsetzbar ist, eine hohe Akzeptanz erreicht und für ausgewählte Nutzergruppen eine tragfähige Ergänzung zur konventionellen Betreuung sein kann. Besonders aufschlussreich war, dass am Studienende vor allem virtuelle oder hybride Versorgungskonzepte bevorzugt wurden.

Kein Ersatz

Virtuelle Betreuung ist in der HIV-Medizin besonders dort sinnvoll, wo Abläufe standardisiert, Kontrollintervalle planbar und diagnostische Prozesse klar strukturierbar sind. Sie kann Anfahrtswege, Zeitaufwand und organisatorische Hürden reduzieren, die Autonomie der Nutzenden stärken und den Zugang auch für Personen erleichtern, die durch klassische Versorgungswege bislang nicht gut erreicht werden. Gerade im Bereich der PrEP könnte dies helfen, mit gleichbleibenden personellen Ressourcen mehr Menschen zu erreichen.

Gleichzeitig wäre es unangebracht, virtuelle Konzepte als vollständigen Ersatz der Präsenzversorgung zu verstehen. Nicht alle Patientinnen und Patienten verfügen über denselben digitalen Zugang, dieselbe Gesundheitskompetenz oder dieselbe Bereitschaft zur Selbstorganisation. Sprachliche Barrieren, Unsicherheiten im Umgang mit Diagnostik oder der Wunsch nach persönlichem Kontakt bleiben relevant. Hinzu kommt, dass komplexe klinische Situationen oder sensible Gesprächsanlässe weiterhin von persönlicher Interaktion profitieren. Entscheidend ist daher nicht digital oder analog, sondern die sinnvolle Kombination beider Ansätze.

Plattformlösungen

Wenn virtuelle Versorgung über einzelne Modellprojekte hinaus effektiv und skalierbar wirksam werden soll, reichen isolierte Video- oder Chatangebote nicht aus. Der eigentliche Mehrwert entsteht dort, wo Kommunikation, Diagnostik, Befundübermittlung und Verlaufskontrolle in einer gemeinsamen Struktur zusammengeführt werden. Solche Plattformlösungen könnten standardisierte Prozesse effizient organisieren und zugleich standortübergreifend verfügbar machen. Gerade für Regionen ohne dichte Schwerpunktversorgung wäre das hoch relevant.

Dafür braucht es klare regulatorische Rahmenbedingungen, tragfähige Vergütungsmodelle, belastbaren Datenschutz und eine initiale Investition in die heute dezentrale technische Infrastruktur der medizinischen Leistungserbringenden.

Fazit

Virtuelle Versorgung ist in der HIV-Medizin kein Selbstzweck. Ihr Wert liegt darin, Betreuung zugänglicher, effizienter und stärker an den Lebensrealitäten der Nutzenden auszurichten. Gerade die PrEP eignet sich aufgrund ihrer standardisierten Abläufe besonders gut als Modellfall. Erste Erfahrungen aus Deutschland sprechen dafür, dass virtuelle Versorgungspfade in diesem Bereich machbar und gut akzeptiert sind.

Die Zukunft liegt nicht in einer vollständigen Verlagerung in den digitalen Raum. Erfolgversprechend sind vielmehr Modelle, die digitale und persönliche Betreuung klug miteinander verbinden. Wenn es gelingt, daraus tragfähige Plattformlösungen zu entwickeln, kann virtuelle HIV-Versorgung ein echter Beitrag zu einer zugänglicheren und effizienteren Versorgung sein.




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