Interview mit Dr. Katja Schneider und Dr. Benjamin Schleenvoigt, Jena
Plädoyer für Resistenztestung

Dr. Katja
Schneider
Katja.Schneider
@med.uni-jena.de

Dr. Benjamin
Schleenvoigt
Benjamin.Schleenvoigt
@med.uni-jena.de
Institut für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene,
Universitätsklinikum Jena© Rodigast_UKJ
Neuere Daten zeigen klar: Mycoplasma genitalium wird zunehmend resistent gegen die empfohlenen Antibiotika. Wie man damit umgeht, ist dagegen weniger klar. Nach wie vor wird kontrovers diskutiert, ob man routinemäßig auf M. genitalium testen soll, wann man einen Resistenztest braucht und ob asymptomatische Personen behandlungsbedürftig sind.
Mycoplasma genitalium ist ein sexuell übertragbarer Erreger. Wann soll man auf diesen Erreger testen?
Schleenvoigt: Hier muss man zwei Situationen unterscheiden: Routinekontrolle beim asymptomatischen Patienten oder Ursachensuche bei Beschwerden. Ob Abstriche bei Personen ohne Beschwerden sinnvoll sind, wird kontrovers diskutiert. Ich persönlich halte das bei entsprechender Risikokonstellation z.B. HIV-PrEP-Usern, für sinnvoll. Und auch bei einer Urethritis sollte man das gesamte potentielle Erreger-Panel untersuchen inklusive M. genitalium.
Wie häufig finden Sie in Jena M. genitalium?
Schneider: Im Jahr 2025 haben wir bei 17 von 118 getesteten Personen M. genitalium nachweisen können. Das ist mehr als jeder zehnte Getestete. Getestet wurden symptomatische Patienten mit z.B. einer Urethritis, aber auch asymptomatische Patienten mit einem sexuellen Risikoverhalten, die bereits häufig sexuell übertragbare Infektionen (STI) in der Vergangenheit hatten. Meist sind das bei uns MSM.
Wann wird eine Resistenztestung durchgeführt?
Schleenvoigt: Im Rahmen unserer Kooperation mit dem Konsiliarlabor für Mycoplasmen am UK-Dresden wird mittlerweile jeder Nachweis von M. genitalium einer molekularen Resistenztestung unterzogen. Im Jahr 2025 führten wir bei 15 der 17 positiv getesteten Personen eine solche Resistenztestung durch. Die molekulare Resistenztestung gibt Auskunft darüber, ob eine Makrolid- und/ oder Chinolonresistenz anzunehmen ist, also ob Azithromycin bzw. Moxifloxacin wirksam ist. Bei fünf unserer Patienten, also bei einem Drittel, zeigte sich eine Doppelresistenz gegen Makrolide und Chinolone.
| Therapieoptionen bei Nachweis von Mycoplasma genitalium | |
|---|---|
|
Standard-Therapie (1. Wahl)1 bei Makrolidempfindlichkeit |
Azithromycin 1,5 - 2 g p.o. einmalig, ggf. gleichzeitig Doxycyclin 100 mg 2 x tgl. p.o. für 7 d
ODER Azithromycin initial: 1 g p.o. Tag 1, 500 mg Tag 2-5 (bei Makrolidempfindlichkeit); ggf. nach Vorbehandlung mit Doxycyclin 100 mg 2 x tgl. p.o. für 7 d |
| Alternative bei Makrolidresistenz (2. Wahl) | Moxifloxacin 400 mg 1 x tgl. p.o. für 7-10 d |
|
Alternative bei Azithromycin- und Chinolon-Resistenz bzw. bei Therapieversagen unter Moxifloxacin (3. Wahl)2 |
Minocycline 100 mg 2 x tgl. p.o. für 14 Tage (Heilungsrate 70%)
ODER Pristinamycin 1 g 4 x tgl. p.o. für 10 Tage (Import) (Heilungsrate 75%)1 ODER Doxycyclin 100 mg 2 x tgl. p.o. für 14 Tage (Heilungsrate 30-40%) |
|
Therapieempfehlungen bei Azithromycin- und Chinolon-Resistenz sowie Versagen oder Nichtverfügbarkeit der Drittlinien-Optionen |
Minocycline 100 mg 2 x tgl. p.o. + Metronidazol 500 mg 2 x tgl. p.o. + Methenamin + Pristinamycin 1 g 4 x tgl. p.o. (’M3P’)3
ODER Doxycyclin 100 mg 2 x tgl. p.o. für 7 Tage, gefolgt von Sitafloxacin 100 mg 2 x tgl. p.o. für 7 Tage (Sitafloxin Import)4 ODER Nitroxolin forte 250 mg 3 x tgl. p.o. für 10 Tage (Expertenmeinung J. Bogner) |
Haben Sie diese Personen behandelt?
Bei vier Patienten sahen wir eine Therapieindikation: davon waren drei Personen asymptomatische MSM mit häufig wechselnden Partnern, bei denen eine Behandlung zur Unterbrechung der Infektionskette angestrebt wurde. Der vierte Patient litt an einer chronischen symptomatischen Urethritis mit hohem Leidensdruck und dringendem Behandlungswunsch.
Welche Medikamente haben Sie zur Behandlung der dopppelresistenten M. genitalium-Infektionen eingesetzt?
Bei doppelresistenten M. genitalium-Stämmen
sind leider die regulär zur Behandlung eingesetzten Antibiotika,
Azithromycin und Moxifloxacin, nicht mehr wirksam. Daher muss auf
Drittlinien-Optionen zurückgegriffen werden. Im Jahr 2025 hatten wir
leider die ungünstige Situation, dass 2 von 3 Drittlinien-Antibiotika
nicht lieferbar waren. Das waren Pristinamycin und Minocyclin. Die
dritte Option ist Doxycyclin mono, wobei hier nur in 40% der Fälle mit
einer Eradikation zu rechnen ist. Daher mussten wir letztes Jahr
erfinderisch werden.
Schleenvoigt:
Einem Patienten haben wir Doxycyclin mono 2 x 100 mg über 7 Tage
verordnet. Die anderen drei Patienten erhielten eine Kombination aus
Doxycyclin 2 x 100 mg plus Metronidazol
2 x 800 mg über 14 Tage.
Mit welchem Ergebnis?
Schneider: Leider hat der Patient, der nur Doxycyclin mono erhalten hat, wie zu erwarten, lediglich eine Erregerlastreduktion im Test of cure gezeigt, war aber noch positiv. Die Kombination aus Doxycyclin plus Metronidazol erbrachte leider ebenfalls in nur 1/3 Fällen eine mikrobiologische Eradikation. Der Patient mit der symptomatischen Urethritis war unter den Therapieversagern. Ihn konnten wir zum Glück erfolgreich mit Pristinamycin behandeln, als dieses zum Jahreswechsel wieder lieferbar war.
Nicht nur in Jena, auch in anderen Zentren wird eine steigende Zahl von Doppelresistenzen bei M. genitalium beobachtet. Was kann bzw. was soll man dagegen tun?
Schleenvoigt: Antimikrobielle Resistenz entsteht regelhaft, wenn Antibiotika nicht indiziert oder falsch eingesetzt werden. Ich plädiere daher für konsequentes Testen, konsequente Resistenztestung und adäquate Therapie bei symptomatischen Patienten sowie Personen mit häufigen Risikokontakten, um Infektionsketten zu unterbrechen. Um zu wissen, was wir da tun, brauchen wir auch einen test of cure vier Wochen nach Therapie.
Welche Antibiotika empfehlen Sie bei Doppelresistenz von M. genitalium?
Schneider: Von der Deutschen STI-Gesellschaft (DSTIG) wird für diese Situation Pristinamycin empfohlen. Eine Heilung ist in 75% der Fälle zu erwarten. Die Beschaffung ist aber kompliziert, weil es in Deutschland nicht zugelassen ist und über die internationale Apotheke aus dem Ausland importiert werden muss. Leider ist es nach unseren Erfahrungen nur sehr unzuverlässig verfügbar. Sollen die Kosten für Pristinamycin von der Gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden, empfehlen wir vor Rezeptierung einen Kostenübernahmeantrag zu stellen. Die europäische Leitlinie zur Behandlung von M. genitalium-Infektionen benennt als Alternativen zu Pristinamycin noch Minocyclin und Doxycyclin mit je einer Heilungsrate von 70 bzw. 40%. Die Evidenz ist insgesamt schwach bezüglich weiterer Alternativen, wenn diese Drittlinien-Optionen nicht verfügbar sind oder nicht zur Eradikation geführt haben. In der Literatur finden sich dann verschiedene Kombinationstherapien mit Metronidazol. In jedem Fall ist der Patient über den off label-Einsatz aufzuklären. Und wir bekommen in Bezug auf diese Behandlungsoptionen keine Informationen aus der aktuell zur Verfügung stehenden molekularen Resistenztestung – was die Situation zusätzlich erschwert.
Schleenvoigt: Wir haben das Problem auch in unserem Jour Fix der Sektion HIV der DGI diskutiert. In der gemeinsamen Diskussion mit den Kolleginnen und Kollegen, die mit dem Thema befasst sind, hat sich gezeigt, dass es sich um ein Problem mit zunehmender Relevanz handelt und deutschlandweit immer mehr Patienten mit doppelresistenten M. genitalium-Infektionen vorstellig werden. Deswegen sehen wir den Bedarf für eine klinische Beobachtungsstudie, die die aktuell bei uns gelebte Situation adressiert und in deren Rahmen untersucht werden kann, welche (Kombinations-)Therapie für diese Patientengruppe zum besten Behandlungsergebnis führt. Für die dafür erforderlichen Voraussetzungen zur nötigen Studieninfrastruktur befinden wir uns aktuell in der Abstimmungsphase. Wer sich an diesem Projekt beteiligen möchte – und da wird viel gebraucht (von Patientenrekrutierung über Projekt- und Datenmanagement bis zur statistischen Auswertung und Analyse), kann sich gerne bei uns in Jena melden. Wir würden perspektivisch gerne eine multizentrische Kooperationsarbeit gestalten, die den Bedürfnissen aller Beteiligten gerecht wird und die Behandlung für unsere Patienten langfristig verbessern kann.
Litera5ur:
1 STI-Leitfaden der DSTIG 4. Auflage 2023/ 2024 http://dstig.de/literaturleitlinienlinks/sti-leitfaden.html
2 Jensen JS, Cusini M, Gomberg M, Moi H, Wilson J, Unemo M. 2021 European guideline on the management of Mycoplasma genitalium infections. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022 May;36(5):641-650. doi: 10.1111/jdv.17972. Epub 2022 Feb 19. PMID: 35182080
3 Vanbaelen T, Huis in ’t Veld D, Visser BJ, et al. Sex Transm Infect Epub ahead of print: [please include Day Month Year]. doi:10.1136/ sextrans-2025-056517
4 Yuan M, Le W, Zhao Y, Gan L, Li S, Su X. Efficacy of Doxycycline-Sitafloxacin Sequential Therapy for Urogenital Mycoplasma genitalium Infection in Nanjing, China. Sex Transm Dis. 2025 Apr 1;52(4):259-265. doi: 10.1097/OLQ.0000000000002105. Epub 2024 Nov 21. PMID: 40053328; PMCID: PMC11878589.








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