Neue Substitionsleitlinie
Stärkere Einbindung von Patient*innen für mehr Versorgungsqualität

Dirk Schäffer
Drogenreferent der
Deutschen Aidshilfe © DAH/Johannes Berger
Herr Schäffer, die neue Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin und der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie ist eine sogenannte S3-Leitlinie. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?
S3-Leitlinien sind die höchste Qualitätsstufe evidenzbasierter medizinischer Leitlinien in Deutschland. Sie basieren auf systematischer Erhebung der wissenschaftlichen Fakten, ihrer Bewertung und einem strukturierten Konsensprozess durch Expert*innen. Sie bieten damit evidenzbasierte Behandlungsempfehlungen und dienen der Vereinheitlichung von Behandlungsstandards, etwa in der Suchtmedizin.
„Die Praxen sind voll und es ist kein Platz für neue Patient*innen.“
Dirk Schäffer, Deutsche Aidshilfe
Mitgewirkt haben rund 70 Personen, darunter Sie als Drogenreferent der Deutschen Aidshilfe und als Aktivist der Selbsthilfe. Was waren die Ziele des Leitlinienprozesses?

Bei der Substitution verschreibt ein Arzt oder eine Ärz- tin ein Medikament (z.B. Methadon oder Buprenorphin), durch dessen Einnahme Entzugserscheinungen vermie- den werden. Die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen.© DAH/Johannes Berger
An erster Stelle steht, dass die Versorgungsqualität verbessert werden soll. Das ist auch dringend nötig, denn noch viel zu oft müssen sich Patient*innen mit Therapien und Auflagen herumschlagen, die nicht zu ihrer Lebenssituation passen und ihren Alltag unnötig erschweren. Viele Ärzt*innen schließen z. B. retardiertes Morphin für die Take-Home-Versorgung aus – das heißt, man muss für jede Tablette in die Praxis kommen, anstatt das Medikament wie bei anderen Wirkstoffen für mehrere Tage mit nach Hause zu bekommen. Ein weiteres Ziel ist die bessere Zusammenarbeit der verschiedenen Beteiligten an der Patient*innenversorgung. Die Leitlinie richtet sich an Fachpersonal im ambulanten, stationären und teilstationären Bereich. Und nicht zuletzt sollen die Leitlinien auch dazu beitragen, dass mehr Ärzt*innen in die Behandlung opiodabhängiger Menschen einsteigen. Denn die Zahl der Substitutionsmediziner*innen ist auf einen historischen Tiefstand gesunken. 2025 haben gut 2.300 Ärzt*innen fast 79.000 Substitutionspatient*innen behandelt.
Was sind nun die wichtigsten Neuerungen?
Vor allem wird jetzt die Einbeziehung der Patient*innen bei der Wahl des Medikaments und der Anwendungsform hervorgehoben. Grundlage dafür ist, dass alle zur Substitutionsbehandlung zur Verfügung stehenden Wirkstoffe wie Methadon, Levomethadon, Buprenorphin, retardiertes Morphin oder Diamorphin gleichrangig bewertet werden. Es gibt außerdem ein Kapitel zur stützenden Funktion der Suchtselbsthilfe und zur Selbstorganisation von Menschen, die Opioide konsumieren. Patient*innen sollen auf regionale Selbsthilfegruppen und Online-Selbsthilfeangebote hingewiesen werden.
„Die Auswahl des Arzneimittels zur Substitutionsbehandlung sollte sich nach der von Betroffenen präferierten und zugelassenen Applikationsform richten.“
Zitat aus der S3-Leitlinie Opioidbezogene Störungen
Kommt auch das Thema Abstinenz in den Leitlinien vor?
Ja, aber vor allem in dem Sinne, dass mit den Patient*innen besprochen werden soll, was ein realistisches Ziel für sie ist – die langfristige Substitutionstherapie oder eine qualifizierte Entzugsbehandlung zum Erreichen einer Abstinenz.
Was ist mit Schadensminimierung, wenn weiter konsumiert wird?
Genannt werden die bedarfsgerechte Vergabe von Konsumutensilien, Drogenkonsumräume, Straßensozialarbeit und niedrigschwellige Kontaktläden. Der Gedanke ist, dass man mit diesen Angeboten die Gesundheit erhält und die Inanspruchnahme von Therapien und Behandlungen verbessert. Besonders erfreulich: Es gibt eine klare Empfehlung für Take-Home-Naloxon. Das wird helfen, Todesfälle zu verhindern.
Welche Hoffnung verbinden Sie mit den neuen Leitlinien?
Ich habe die klare Erwartung, dass Mediziner*innen in der Substitutionsbehandlung diese Leitlinien ernst nehmen und die Empfehlungen, die alle auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse in hoher Übereinstimmung verabschiedet wurden, auch in die Praxis umsetzen. Dies gilt insbesondere für die engere Einbeziehung der Patient*innen in wesentliche Entscheidungen über Behandlungsziele, eingesetzte Medikamente und Anwendungsformen. Auch die Empfehlung zu Take-Home-Naloxon ist extrem wichtig für die Selbstbestimmung und Teilhabe.
Aidshilfe bleibt stabil

Mit der bundesweiten Kampagne „#AidshilfeBleibtStabil“ setzt die Deutsche Aidshilfe ein Zeichen gegen zunehmende Menschenfeindlichkeit und für eine offene, solidarische Gesellschaft. „Wir erleben, dass Hass, Ausgrenzung und Abwertung wieder lauter werden – auf der Straße, im Netz und in politischen Debatten“, erklärt DAH-Vorstand Stefan Miller. Mit der Kampagne zeigt die DAH, dass sie unverbrüchlich an der Seite der Menschen steht, die von Diskriminierung und Ausgrenzung betroffen sind.
Angriffe und Feindlichkeit treffen besonders Menschen mit HIV, queere Menschen, Menschen mit Migrationsgeschichte, Sexarbeiter*innen, Drogen konsumierende Menschen und Menschen in Haft. Diskriminierung hat gesundheitliche Folgen und erschwert auch den Schutz vor HIV und anderen Infektionskrankheiten. Prävention kann nur funktionieren, wenn Menschen sicher und selbstbestimmt leben können.
Auch Aidshilfe-Organisationen selbst werden immer wieder zur Zielscheibe von Angriffen. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, betont Stefan Miller. „Gerade jetzt dürfen demokratische und humanistische Kräfte nicht nachlassen.“
Die Kampagne ist sichtbar mit Innenraumplakaten, Stickern und in Social Media.
Weitere Informationen: aidshilfe.de/bleibt-stabil








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