HIV-Roundtable in Berlin
„Deutschland muss eine Führungsrolle übernehmen“
Auf Einladung mehrerer HIV- Fachorganisationen haben sich in Berlin 50 Expert:innen getroffen, um über künftige Lückenin der HIV-Versorgung zu sprechen – denn diese werden kommen, wenn nicht bald gegengesteuert wird.

Von links: Anne von Fallois (DAS), Hannah Linke (DAIG), Silke Klumb (DAH), Maik Brückner, Birgit Poniatowski (IAS), Sven Warminsky (DAH), Christoph Weber (Checkpoint BLN), Charlotte Brux (dagnä), Dorian Doumit (dagnä)
Am 7 Juli 2026 haben etwa 50 Expert:innen aus Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft in Berlin über die Zukunft der weltweiten HIV-Versorgung in Zeiten massiver Finanzierungseinbrüche diskutiert – und dabei einhellig vor den Folgen auch für das deutsche Versorgungsystem gewarnt. Zu der Veranstaltung hatten die Deutsche Arbeitsgemeinschaft ambulant tätiger Ärztinnen und Ärzte für Infektionskrankheiten und HIV-Medizin (dagnä), die Deutsche AIDS-Stiftung (DAS), die Deutsche AIDS-Gesellschaft (DAIG) sowie die Deutsche Aidshilfe (DAS) eingeladen. Die Veranstaltung wurde moderiert vom Journalisten und Podcaster Christopher Weingart.
Massive Finanzierungskrise
Ziel war eine Zwischenbilanz: Seit einigen Jahren fahren die reichsten Nationen, darunter Deutschland, ihre finanzielle Unterstützung massiv zurück. Vor allem seit den Kürzungen der US-Auslandshilfen sind viele internationale Therapie- und Präventionsprogramme zusammengestrichen oder gänzlich weggefallen. Schon jetzt ist zu beobachten: Die Zahl der Neuinfektionen sinkt nicht mehr – in Deutschland ist sie zuletzt sogar leicht gestiegen.
Zum Auftakt erinnerte Birgit Poniatowski, Executive Director der International AIDS Society, in einer Keynote an die großen Fortschritte, die über Jahre in der HIV-Bekämpfung gemacht wurden. So sind seit 2010 die AIDS-bedingten Todesfälle um mehr als die Hälfte gesunken, neue Infektionen deutlich zurückgegangen, eine erfolgreiche Therapie ermöglicht ein gesundes Leben ohne Weitergabe des Virus. „Doch der Fortschritt ist ins Stocken geraten“ sagte sie. Die massive Finanzierungskrise habe dazu geführt, dass in den am stärksten betroffenen Ländern Test-, Behandlungs- und Präventionsangebote zurückgefahren wurden; Gesundheitskräfte standen ohne Lohn da, zivilgesellschaftliche Partner mussten Hilfsprogramme einstellen.“ Das Bittere daran: „Wir haben die wissenschaftlichen Instrumente und die nötigen medizinischen Innovationen – doch es fehlt eine gerechte, verlässliche Finanzierung.“ Deutschland und Europa könnten das entstandene Finanzierungsvakuum zwar nicht allein füllen, aber „multilaterale Strukturen stärken und Solidarität sichern“.
Lücken im Versorgungsraster
Denn klar ist: Je größer die Probleme jetzt in den ärmeren Ländern werden, desto heftiger könnten sie später auch Deutschland betreffen. Wie stark das deutsche Versorgungssytem schon jetzt unter Druck geraten ist, machten Blitzlicht-Vorträgen von Menschen deutlich, die in der Praxis täglich Menschen mit HIV versorgen – und dabei immer wieder erleben, wie Menschen durchs Versorgungsraster fallen. So berichtete die Berliner HIV-Schwerpunkärztin Christina Engelhard von einer jungen Patientin mit HIV, die trotz Arbeit und Aufenthalt in Deutschland aus Angst vor Stigmatisierung lange jeden Kontakt zum Gesundheitssystem mied. Engelhards Appell: „Wir müssen komplexe soziale und kulturelle Situationen mitdenken – und wir brauchen mehr niederschwellige psychosoziale Angebote und HIV-Test-Möglichkeiten, auch außerhalb der Schwerpunktpraxen. Christoph Weber, Ärztlicher Leiter des Checkpoint Berlin in Neukölln, wies darauf hin, dass in Deutschland besonders Menschen ohne Krankenversicherung kaum Zugang zu einer HIV-Behandlung oder -Prävention erhielten. Sein Fazit: „Nicht Migration an sich schafft Exklusion, sondern fehlende Krankenversicherung und bürokratische Hürden.“
Kaum Praxen auf dem Land

Christina Engelhard (Schwerpunktpraxis Mehringdamm 50)
Sven Warminsky vom Zentrum für sexuelle Gesundheit der Aidshilfe Sachsen-Anhalt Nord machte indes auf die oft schwierige Versorgungslage in ländlichen Regionen aufmerksam. So gebe es in ganz Sachsen-Anhalt nur drei HIV-Schwerpunktpraxen – während Hessen über 30 verfüge. „Die Wege für Betroffene sind bei uns oft sehr lang und ohne Auto kaum zu bewältigen“, sagte Warminsky. Dadurch werde sowohl die medizinische Versorgung als auch die psychosoziale Begleitung erschwert, besonders für ältere Menschen. Sein Lösungsansatz: „Nicht jede Frage oder Blutabnahme muss immer von Ärztinnen und Ärzten übernommen werden, andere Berufsgruppen wie Pflegende oder Sozialarbeitende könnten stärker eingebunden werden.“
Christoph Weber und Birgit Poniatowski diskutierten im Anschluss mit dem Bundestagsabgeordneten Maik Brückner, queerpolitischer Sprecher der Fraktion die Linke und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Gesundheit, über die Herausforderungen für die deutsche Politik. Brückner kritisierte dabei scharf, dass auch Deutschland internationale Hilfen gekürzt habe. Mit Blick auf das kontrovers diskutierte neue Gesetz zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge sagte Brückner: „Alles wird im Schnelldurchlauf durchgewunken, um den Widerstand in der Zivilgesellschaft kleinzuhalten.“
Eine Videobotschaft schickte der SPD-Bundestagsabgeordnete Serdar Yüksel, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit. Darin bezeichnete er die Etablierung des derzeitigen HIV-Versorgungssystems in Deutschland als „große gesundheitspolitische Erfolgsgeschichte“ – das Land müsse aber weiter international Verantwortung übernehmen und im Inland regionale Unterschiede beim Zugang zur HIV-Versorgung abbauen. Prävention sei eine Investition und dürfe „nicht aus Spargründen geschwächt werden.“
Die veranstaltenden Organisationen stimmen dem ausdrücklich zu. „Nach dem Rückzug großer Geber ist die HIV-Versorgung in vielen Ländern des Globalen Süden prekär“, sagt etwa Anne von Fallois, Vorstandsvorsitzende der DAS. Deutschland könne die Lücken allein nicht füllen, „aber es kann und muss eine Führungsrolle im globalen Kampf gegen HIV übernehmen.“
Dazu Hannah Linke, Schriftführerin der DAIG: „Die Versorgung von Menschen mit HIV ist nicht erst seit heute ein globales Thema, das HI-Virus kennt keine Grenzen und HIV-Behandler:innen haben bereits in der Vergangenheit die Auswirkungen weltweiter Krisen vor Ort gespürt.“ Umso wichtiger sei es, angesichts der aktuellen finanziellen Entwicklungen rechtzeitig zu handeln.
Bedenkliches neues Gesetz
dagnä-Geschäftsführer Dorian Doumit warnt in dem Zusammenhang auch vor den möglichen Folgen des geplanten Beitragssatzstabilisierungsgesetz für die Gesetzlichen Krankenkassen: „In einer Situation, in der globale Mittelkürzungen absehbar zu steigenden HIV-Infektionen und wachsendem Versorgungsbedarf führen, setzt das Gesetz an der falschen Stelle an: Es begrenzt ausgerechnet einen Leistungsbereich, dessen Fallzahlen und Behandlungskomplexität weiter zunehmen werden.“
Silke Klumb, Geschäftsführerin der DAH, betont die Rolle des psychosozialen Standbeins in der HIV-Versorgung: „Ohne Beratung, Begleitung und Unterstützung für Menschen mit HIV funktioniert Versorgung nicht, das gilt in Deutschland und weltweit. Darum brauchen wir mutige Strukturreformen, die vorhandene Fachkompetenzen multiprofessioneller Teams besser nutzen und die Aidshilfen als Partnerinnen in der Versorgung verankern.








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