Kommentar Prof. Thomas Berg, Leipzig
EASL 2026: Glas halb voll?

Prof. Thomas Berg, Leipzig

Prof. Dr. Thomas Berg
04103 Leipzig

Der EASL-Kongress 2026 könnte rückblickend einen Wendepunkt in der Behandlung der chronischen Hepatitis B markieren. Mit B-Well 1 und B-Well 2 liegen erstmals zwei große, nahezu identisch konzipierte positive Phase-3-Studien vor, in denen eine zeitlich begrenzte Zusatztherapie mit Bepirovirsen bei Patienten unter erfolgreicher NUC Therapie zu einer funktionellen Heilung führte.

Man kann dennoch fragen, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. In der Gesamtpopulation lag die Rate der funktionellen Heilung bei 19 bis 20 %. Gleichzeitig handelte es sich um eine klar selektierte Population ohne Zirrhose, unter stabiler Therapie mit Nukleos(t)idanaloga und mit einer HBsAg-Konzentration von höchstens 3.000 IU/ml. Besonders deutlich war der Einfluss der HBsAg-Ausgangskonzentration: Bei Werten bis 1.000 IU/ml erreichten 25-28 % der Patienten eine funktionelle Heilung, während die Ansprechraten bei HBsAg-Konzentrationen zwischen 1.000 und 3.000 IU/ml nur noch bei etwa 5 bis 10 % lagen. Dennoch ist entscheidend, dass der Endpunkt in beiden Phase-3-Studien reproduzierbar erreicht wurde, während in den Placebogruppen kein Patient eine funktionelle Heilung erzielte. Damit ist erstmals überzeugend gezeigt, dass eine medikamentös induzierte funktionelle Heilung bei einem klinisch relevanten Anteil der Patienten möglich ist.

Klinische Einordnung

Für die klinische Einordnung ergeben sich daraus mehrere Konsequenzen.

Erstens wird die quantitative HBsAg-Bestimmung zu einem zentralen Biomarker für die Auswahl geeigneter Patienten. Bepirovirsen dürfte zunächst vor allem für Patienten mit niedriger HBsAg-Konzentration infrage kommen.

Zweitens bleibt abzuwarten, wie dauerhaft der HBsAg-Verlust über die bisherige Nachbeobachtung hinaus ist und ob es im Langzeitverlauf noch zu späten Rückfällen kommt.

Drittens erfordert auch diese Therapie ein Monitoring. Reaktionen an der Injektionsstelle waren häufig, und bei einem relevanten Anteil der Patienten traten ALT-Anstiege auf. Diese können Ausdruck der angestrebten immunologischen Kontrolle sein.

Vergleich Stopp-NUC

Ein wichtiger Vergleich ist der kontrollierte Stopp-NUC-Ansatz, also das Absetzen einer langjährigen Therapie mit Nukleos(t)idanaloga. In hochselektierten Kollektiven, insbesondere bei HBeAg-negativen kaukasischen Patienten mit niedriger HBsAg-Konzentration zum Zeitpunkt des Therapiestopps, können im mehrjährigen Verlauf ebenfalls beachtliche HBsAg-Verlustraten erreicht werden.

Diskutieren lässt sich, ob ähnliche HBsAg-Verlustraten – gerade bei HBeAg-negativen Hepatitis B mit niedriger HBsAg-Konzentration – nicht auch über den sogenannten Stopp-NUC-Ansatz zu erreichen sind, also über das kontrollierte Absetzen der antiviralen Therapie mit Nukleos(t)idanaloga. Betrachtet man vor allem die Ergebnisse bei kaukasischen Patienten, so ist im Langzeitverlauf über mehrere Jahre nach Absetzen ein HBsAg-Verlust von etwa 30 % erreichbar, sofern die HBsAg-Konzentrationen zum Zeitpunkt des Therapiestopps unter 1.000 IU/ml liegen.

Die Ergebnisse sind jedoch nicht unmittelbar mit den B-Well-Studien vergleichbar. Der Stopp-NUC-Ansatz erfordert eine sehr engmaschige und häufig langjährige Nachbeobachtung und ist mit dem Risiko ausgeprägter virologischer und biochemischer Reaktivierungen verbunden. Außerhalb spezialisierter Zentren hat er sich daher bislang nicht in der Breite durchgesetzt. Die Bepirovirsen-Therapie besitzt demgegenüber den Vorteil eines standardisierten, zeitlich begrenzten Behandlungskonzepts mit gesicherter Responsewahrscheinlichkeit. Ob sich dieser Ansatz tatsächlich breit implementieren lässt, wird allerdings auch von der Zulassung und den Kosten abhängen.

Zukunftsmusik

Darüber hinaus wurden auf dem EASL weitere sehr interessante Substanzen vorgestellt. Insbesondere die Capsid-Assembly-Modulatoren der neuesten Generation zeigen eine vielversprechende Wirkung, auch mit einer Reduktion der cccDNA. Das Feld entwickelt sich auch über eine Monotherapie hinaus. Die Kombination von Elebsiran mit pegIFN-α unterstreicht das Potenzial, eine starke Antigenreduktion mit einer gezielten Immunstimulation zu verbinden. Die epigenetischen Ansätze bei Hepatitis B könnten, sofern sie sich als sicher erweisen, geradezu revolutionär sein.


Ausgabe 3 - 2026Back

DAIG LogoDGI LogoDSTIG LogoPEG Logo

Meldungen

  • Zoologie

    27. Oktober 2026: Wie schlafen Spinnen? weiter

  • HIV-Heilung

    26. Oktober 2026: Charite eröffnet Zentrum „BeCURE“ weiter

  • Vogelgrippe

    26. Oktober 2026: STIKO empfiehlt Impfung für Personen mit hohem Kontaktrisiko weiter

  • HIV-Infektion

    26. Oktober 2026: Defekte HIV-Proviren können Langzeit-Persistenz fördern weiter

  • Newsletter online

    Jeden Monat akutelle Informationen rund ums Thema HIV und sexuell übertragbare Erkrankungen.

    Für Ärzt_innen, Menschen mit HIV und alle Interessierten.

    Anmeldung hier

  • Herpes

    25. Oktober 2026: Pritelivir (Hovilpri®) in USA zugelassen weiter

  • S. aureus

    25. Oktober 2026: ESCMID und ISAC schlagen neue Nomenklatur für MRSA vor weiter

  • Shamonda-Virus

    24. Oktober 2026: Erstmals ein Mensch infiziert weiter

  • Hepatitis B

    22. Oktober 2026: Bepirovirsen (Hibsago®) in USA zugelassen weiter

  • Antiretrovirale Therapie

    22. Oktober 2026: Erste Erfahrungen mit LEN/CAB-LA weiter

  • HIV-Infektion

    18. Oktober 2026: Blips sind häufiger unter Proteasehemmern weiter

  • MERS-CoV

    18. Oktober 2026: Acht Fälle in Saudi-Arabien weiter

  • West Nil Fieber

    18. Oktober 2026: Höchste Zahlen in Europa weiter

  • HPV

    18. Oktober 2026: Erster HPV-Atlas und sechs strategische Empfehlungen weiter

  • Hepatitis C

    10. Oktober 2026: Glecaprevir/Pibrentasvir (Maviret®) in der Muttermilch weiter

  • Epidemiologie

    06. Oktober 2026: Ausbrüche weltweit weiter

Ältere Meldungen weiter

Diese Webseite bietet Informationen rund um das Thema Infektionen, Infektionskrankheiten, bakterielle Infektionen, virale Infektionen, Antibiotika, Virostatika, Infektionsschutz und Impfungen. Die aktuellen Informationen aus Medizin und Industrie richten sich an Infektiologinnen und Infektiologen, an Ärztinnen und Ärzte mit Interesse an Infektiologie.