Europäischer Leberkongress der EASL
Hepatitis B auf dem Weg zur funktionellen Heilung

Die Elimination von HBV ist ähnlich schwierig wie die Heilung von HIV. Deshalb ist man auch hier auf der Suche nach der funktionellen Heilung. Im Bereich der chronischen Hepatitis B ist man jetzt einen Schritt weitergekommen.

Auf dem europäischen Leberkongress EASL stand die virale Hepatitis – wie mittlerweile gewohnt - eher im Hintergrund, aber eine Studie hat es doch in die Schlagzeilen geschafft: B-Well 1 und 2. In diesen zwei identischen Phase-3-Studien (n=941+871) wurden Patienten gut behandelter, chronischer Hepatitis B zusätzlich mit dem neuen dem Antisens-Oligonukleotid bzw. Placebo behandelt. Insgesamt erreichten rund 20% der Behandelten unter der neuen Substanz die funktionelle Heilung. Die Studie wurde zeitgleich im NEJM veröffentlicht. Aber auch viele anderen Substanzen mit unterschiedlichen Wirkmechanismen sind am Start (Abb. 1)

Abb. 1 HBV-Lebenszyklus und Hauptziele therapeutischer Ansätze (adaptiert nach 5). Abkürzungen: ASO, Antisense Oligonukleotide; B, B-Zellen; cccDNA, kovalent geschlossene zirkuläre DNA; CAMs, Capsid-Assembly-Modulatoren; dslDNA, doppel- strängige lineare DNA; HBV, Hepatitis-B-Virus; hNTCP, humanes Natrium-Taurocholat- Cotransport- Polypeptid; HSPG, Heparansulfat-Proteoglykan; IFN, Interferon; NA, Nukleos(t)idanaloga; NAP, Nukleinsäurepolymere; NK, natürliche Killerzellen; PEG-IFNa, pegyliertes Interferon-alfa; pgRNA, prägenomische RNA; rcDNA, relaxierte zirkuläre DNA; siRNA, small interfering RNA; T, T-Zellen; TNF, Tumornekrosefaktor; TLR, Toll- like-Rezeptor Grafik: Yin-Hang Chou, Prof. Dr. M. Cornberg, Hannover. Die Abbildung wurde mit biorender.com erstellt.
Abb. 1  HBV-Lebenszyklus und Hauptziele therapeutischer Ansätze (adaptiert nach 5). Abkürzungen: ASO, Antisense Oligonukleotide; B, B-Zellen; cccDNA, kovalent geschlossene zirkuläre DNA; CAMs, Capsid-Assembly-Modulatoren; dslDNA, doppel- strängige lineare DNA; HBV, Hepatitis-B-Virus; hNTCP, humanes Natrium-Taurocholat- Cotransport- Polypeptid; HSPG, Heparansulfat-Proteoglykan; IFN, Interferon; NA, Nukleos(t)idanaloga; NAP, Nukleinsäurepolymere; NK, natürliche Killerzellen; PEG-IFNa, pegyliertes Interferon-alfa; pgRNA, prägenomische RNA; rcDNA, relaxierte zirkuläre DNA; siRNA, small interfering RNA; T, T-Zellen; TNF, Tumornekrosefaktor; TLR, Toll- like-Rezeptor Grafik: Yin-Hang Chou, Prof. Dr. M. Cornberg, Hannover. Die Abbildung wurde mit biorender.com erstellt.

B-Well: Bepirovirsen

Bepirovirsen hat als Antisens-Oligonukleotid einen dualen Wirkmechanismus. Die Substanz stört alle Transkriptionsprozesse von HBV und senkt so die Viruslast und den HBsAg-Spiegel. Gleichzeitig wird das Immunsystem über den TLR8-Rezeptor stimuliert durch Zytokininduktion und Zellaktivierung.

Einschlusskriterien waren eine chronische Hepatitis B ohne Zirrhose, eine stabile NUC-Therapie mit einer HBV-DNA <90 IU/ml, eine GPT < 2 ULN und ein HbsAg 100 - 3000 IU/ml, also Patienten mit gut behandelter Hepatitis B mit niedriger Aktivität und ohne Entzündung. Die Teilnehmer wurden 24 Wochen mit NUC plus Bepirovirsen bzw. Placebo behandelt. An Tag 4 und 11 wurde eine loading dose und danach 300 mg Bepirovirsen wöchentlich subkutan injiziert (2 Injektionen/Sitzung). In Woche 24-48 nahmen die Patienten weiterhin ihr NUC ein. Bei Personen mit nicht nachweisbarer Viruslast und nicht nachweisbarem HBsAg wurde das NUC dann absetzt.

Primärer Endpunkt war die funktionelle Heilung definiert als nicht nachweisbare HBV-DNA (<20 IU/ml) und HBsAg-Verlust (<0,05 IU/ml) zu Woche 72, also 24 Wochen ohne Therapie. In der Bepirovirsen-Gruppe konnten 24% der Behandelten das NUC zu Woche 48 absetzen, in der Placebo-Gruppe keiner. Zu Woche 72 waren immer noch insgesamt 20% ohne Therapie stabil. Den sekundären Endpunkt eine nicht nachweisbare Viruslast erreichten mehr Patienten, insbesondere, wenn der HBsAg-Spiegel initial niedrig war: Bei HBsAg <1000 IU/ml waren es 31% und bei HBsAg ­<3000 IU/ml waren es 23% (Abb. 2).

Abb. 2 B-Well 1 und 2: Sekundäre Endpunkte Woche 72
Abb. 2 B-Well 1 und 2: Sekundäre Endpunkte Woche 72

Rund die Hälfte der Bepirovirsen-Patienten hatte Injection Site Reactions, die in der Regel in den ersten vier Wochen auftraten und mild bis moderat waren. 24% entwickelten einen Anstieg der ALT um das 3fache der ULN, meist in Woche fünf bis 10 parallel zum Abfall des HBsAg-Spiegels.

ENSURE: Elebsiran

Ein weiteres Medikament am Start ist das siRNA Elebsiran. Es wurde in der Phase-2-Studie ENSURE in Kombination mit pegIFN-α sowie mit einer Vorbehandlung mit einem therapeutischen Impfstoff geprüft. Die Einschlusskritieren waren ähnlich wie in B-Well unter einem NUC supprimiert und einem HBsAg-Spiegel 100 – 3000 IU/ml.

Nach 24 Wochen pegIFNα + Elebsiran wurde für weitere 24 Wochen mit einem NUC weiterbehandelt. Teilnehmer, die zuvor mit dem therapeutischen Impfstoff BRII-179 und Elebsiran behandelt wurden, wurden ebenfalls eingeschlossen und erhielten 48 Wochen lang die Kombinationstherapie mit Elebsiran und pegIFNα. Rund doppelt so viele Personen erreichten eine funktionelle Heilung im Vergleich zu Interferon allein, wobei Personen mit initialem niedrigen HBsAg und Personen mit gutem Ansprechen auf die therapeutische Impfung gut ansprachen, am besten abschnitten (Abb. 3).

Abb. 3 ENSURE Teilnehmer mit HBsAg-Verlust
Abb. 3 ENSURE Teilnehmer mit HBsAg-Verlust

CAM: Pevifoscorvir

Pevifoscorvir ist ein CAM (capsid assembly modulator) mit drei komplementären Wirkmechanismen: Supression der HBV-Replikation, Inhibition der cccDNA Etablierung und Reduktion der HBeAg-Sekretion. In einer Phase-1-Studie wurden therapienaive Patienten mit 96 Wochen 300 mg/d Pevifoscorvir, gefolgt von acht Wochen Entecavir behandelt. Der Effekt des CAM hielt auch nach Absetzen an. HBsAg blieb im niedrigen Bereich, was auf eine Reduktion des cccDNA-Pools hindeutet.

mRNA: Tune-401

Tune-401 greift das HBV-Genom epigenetisch an, indem direkt es Transkriptionsprozesse der cccDNA durch Chromatin-Modifikationen inhibiert und zwar ohne die zugrunde liegende DNA-Sequenz zu verändern (Abb. 4). Die mRNA, die das inhibierende Protein in die cccDNA der Leberzellen schleust, wird verpackt in Lipid-Nanopartikel intravenös appliziert.

Nach einer Dosis Tune-401 war HBsAg in Woche 20 um 30%, unter der höheren Dosierung um 54% gesunden. Zudem war bei vielen Teilnehmern pgRNA um mehr 95% und HBcrAg um mehr als 99% zurückgegangen, was auf eine verminderte cccDNA-Aktivität hinweist.

Abb. 4 Wirkmechanismus von Tune-401.
Abb. 4 Wirkmechanismus von Tune-401.


Quellen:

Hou JL, Lim SG, Buti M, et al. Phase 3 results of bepirovirsen treatment for chronic hepatitis B virus infection. N Engl J Med. Published online May 28, 2026. doi:10.1056/NEJMoa2515131

Lai-Hung Wong et al. Functional cure rate in chronic hepatitis B virus infected participants receiving elebsiran and pegylated interferon alfa: final results from the phase 2 ENSURE study. EASL 2026, LB26-5012/ LBP-040

Gane E at al. Tune-401: A first-in-class epigenetic silencer of HBV demonstrates deep and durable antiviral activity in the phase 1b/2a proof of concept Tune-401-001 study, EASL 2026, LB26-5076/ LBO-003

Man-Fung Yuen et al, Pevifoscorvir sodium demonstrated profound antiviral activity in untreated HBeAg+ subjects, regardless of baseline ALT level, Journal of Hepatology 2026 vol. 84 | S965 (DOI: 10.1016/S0168-8278(26)02542-0)

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