Steffen Heger, Köln
HIV, Sexualität und Stigma – Teil 1

Spiegel 7/1987
Die mit der HIV-Infektion verbundene Stigmatisierung und Diskriminierung machen krank. Sie gefährden Prävention und Adhärenz, beeinträchtigen die Lebensqualität und können zu Folgeerkrankungen führen.
Was ist Stigma?
Stigma als Schandmal. Der Begriff „Stigma“ stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Stich“ oder „Wundmal“. In seiner grundlegenden Arbeit aus dem Jahr 1963 definierte der Soziologe Erving Goffman Stigma als „körperliches Zeichen, das etwas Ungewöhnliches oder Schlechtes über den moralischen Zustand des Zeichenträgers offenbart, {…} dass der Träger eine gebrandmarkte, rituell für unrein erklärte Person war, die gemieden werden sollte.“1
Während Goffmans Definition auf äußerlich sichtbare Zeichen bzw. Merkmale abhebt – bei HIV können dies Kaposi-Sarkome oder eine Lipodystrophie sein – wird der Begriff heute eher auf die mit einer Eigenschaft verbundene Unehre als auf deren körperliche Erscheinung angewandt. Stigmatisierend kann also auch ein Merkmal sein, das man der betroffenen Person nicht ansieht, wie zum Beispiel die sexuelle Orientierung oder der HIV-Status.
Wesentliche Bestandteile der Stigmatisierung sind2 die Zuschreibung negativer Charaktereigenschaften aufgrund eines oder mehrerer bestimmter Merkmale, die von gesellschaftlichen Normen und Werten abweichen. Dabei handelt es sich um eine Eigenschaft, die zutiefst herabwürdigend ist und den Träger von sozialer Akzeptanz ausschließt.
Häufig mit Stigmatisierung verbundene Merkmale sind ethnische Zugehörigkeit, Religion, sexuelle Orientierung, Infektionskrankheiten, Adipositas, Behinderungen und seelische Erkrankungen. Dabei ist ein Merkmal nicht a priori ein Stigma, sondern die Gesellschaft stigmatisiert, indem sie definiert, was als Stigma gilt. Stigma kann angstbasiert oder moralbasiert sein. Bei HIV spielt beides eine Rolle: Die Angst vor Ansteckung und Schuldzuweisungen aufgrund des von der Norm abweichenden Sexualverhaltens.3
Eine gesellschaftliche Funktion von Stigma kann die Ausübung sozialer Kontrolle sein. Dannecker sah in der Stigmatisierung von HIV auch „das Verlangen, die schwulen Männer zu disziplinieren“.4 Stigma kann zur Basis gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit werden, also herabwürdigender Einstellungen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe.6
Die Gesamtheit aller Merkmale bzw. Eigenschaften einer Person nennt man Identität. Goffman beschreibt Stigma als beschädigte Identität: Stigma als Makel, der Stigmaträger als „beschädigte Ware“ – ein Gefühl, das viele PWHa nur zu gut kennen. Diese Beschädigung kann als beschämend erlebt werden.
Stigma ist ansteckend und grenzt aus. Stigma ist ansteckend und kann auf Personen im Umfeld der Stigmatisierten übergreifen. Wurden Sie schon einmal argwöhnisch angesehen, weil Sie beruflich mit PWH / MSM / Sexarbeitenden / Substanzkonsument:innen arbeiten?
Aufgrund des mit dem Stigma verbundenen Ansteckungsrisikos lösen stigmatisierte Personen im Umfeld häufig den Wunsch nach sozialer Distanz aus, um sich vor der Ansteckung zu schützen. Die betroffenen Personen werden als Randgruppen marginalisiert und ausgegrenzt. Die stigmatisierte Person wird von vollständiger sozialer Akzeptanz ausgeschlossen.7
Stigma einschätzen. Das Ausmaß der Stigmatisierung kann durch drei Fragen eingeschätzt werden, die auf den Wunsch nach sozialer Distanz zielen:8
- Würden Sie die betroffene Person als Mieter:in, Nachbar:in, Babysitter:in akzeptieren?
- Würden sie in eine Familie einheiraten, in der diese Person lebt?
- Würden sie die Person in ihren Freundeskreis aufnehmen oder als Mitarbeiter:in empfehlen?
Angst vor Ausgrenzung spielt auch im Zusammenhang mit HIV eine zentrale Rolle: „Die Angst des homosexuellen Mannes vor Aids ist die Angst davor zu sterben. Zugleich aber ist sie die Angst vor dem psychosozialen Tod, der eintreten könnte, noch bevor man gestorben ist.“9
| Ebenen der Diskriminierung | |
|---|---|
| Strukturelle Ebene | In der Kultur, den gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Normen verwurzelte Ungleichbehandlung z. B. Gesetze, Verordnungen und gängige Praktiken, mit denen Sex-Arbeitende kriminalisiert oder anderweitig benachteiligt werden, PWH von bestimmten Tätigkeiten und Aktivitäten ausgeschlossen oder dabei anders behandelt werden |
| Institutionelle Ebene | Benachteiligung durch Strukturen, Regeln und Prozesse von Organisationen, Behörden, Unternehmen oder Bildungseinrichtungen z. B. systematische Diskriminierung im Gesundheitswesen, Verweigerung der Kostenübernahme für PrEP durch private Krankenversicherungen, Benachteiligung seelisch erkrankter Menschen oder bestimmter ethnischer Gruppen auf dem Arbeitsmarkt, ungleiche Chancen auf dem Wohnungsmarkt, Aufbau von Bedrohungsszenarien in Bezug auf bestimmte Minderheiten bzw. Phänomene (wie Chemsex) und dramatisierende Berichterstattung in den Medien |
| Interpersonelle/Individuelle Ebene | Direkte, negative Handlungen und Ablehnung im alltäglichen Umgang zwischen Individuen z. B. Mobbing durch Vorgesetzte oder Zurückweisung durch potenzielle Sexualpartner aufgrund des HIV-Status |
Ein Stigma kommt selten allein. Die meisten Menschen mit HIV gehören gleichzeitig anderen stigmatisierten Gruppen an, so dass Mehrfachstigmatisierung eher die Regel ist. Stigmatisierte Begleiterkrankungen sind beispielsweise Adipositas, Diabetes mellitus, Krebs, Hauterkrankungen, Behinderungen und seelische Störungen. Stigmatisierte Gruppenzugehörigkeiten sind Homo- und Bisexualität, Trans*identität oder auch Wohnungslosigkeit. Beispiele für stigmatisierte Sexualitäten sind Promiskuität (häufig PrEP-Usern unterstellt10), Sexarbeit („Hurenstigma“)11, Sex im Alter, sexualisierter Substanzkonsum sowie manche Kinks und Fetische. Hinzukommen kann eine Fluchtgeschichte, die häufig mit stigmatisierter ethnischer Zugehörigkeit und Religion einhergeht. Die Auswirkungen der Zugehörigkeit zu mehreren stigmatisierten Gruppen gleichzeitig kumulieren.12 Darüber hinaus können Stigmata in typischer Weise miteinander verbunden sein, interagieren und so eine einzigartige, oft besonders schwerere Form der Ausgrenzung erzeugen (Intersektionalität).13
Stigma wird verinnerlicht. Wer lang genug von seiner Umwelt gespiegelt bekommt, ein ehrloser oder moralisch zweifelhafter Mensch zu sein, wird diese Bewertung irgendwann selbst glauben. Dieser Vorgang der Verinnerlichung wird in der Psychoanalyse als Internalisierung bezeichnet. So entsteht aus dem von außen zugewiesenen Fremdstigma das verinnerlichte Stigma. Betrifft das die sexuelle Orientierung bzw. die sexuelle Identität, spricht man von Internalisierter Homonegativität (IH) bzw. Internalisierter Trans*negativität. Verinnerlichtes Stigma geht mit negativen Selbstbildern einher, mit Selbstentwertung, dem Gefühl „beschädigte Ware“ zu sein sowie mit Schuld- und Schamgefühlen. Langer beschreibt, wie sich angesichts der Behandelbarkeit der HIV-Infektion der Schwerpunkt des Stigmas verschoben habe, wobei internalisierte Stigmatisierung gegenüber Fremdstigmatisierung in den Vordergrund getreten sei.14 Internalisiertes Stigma ist von zentraler Bedeutung in der Psychodynamik durch die HIV-Infektion ausgelöster seelischer Störungen, wie z. B. depressiver Reaktionen.
Vom Stigma zur Diskriminierung
Wenn aufgrund der Stigmatisierung eine konkrete Ungleichbehandlung bzw. Benachteiligung entsteht, spricht man von Diskriminierung. Diskriminierung findet auf verschiedenen Ebenen statt.
Insbesondere strukturelle Diskriminierung wie die Kriminalisierung von PWH, Homosexualität und Sexarbeit verschlechtert die körperliche und seelische Gesundheit der Betroffenen auf verschiedenen Wegen: Sie erschwert die Inanspruchnahme von Prävention, HIV-Tests und Behandlung, fördert internalisiertes Stigma, erschwert das Finden einer schützenden Umgebung und schließt von sozialer Sicherung und rechtlichem Schutz aus.15
In Deutschland soll das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vor Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft, Religion oder Weltanschauung, des Geschlechts, Alters oder einer Behinderung schützen. Wer dagegen im Zusammenhang mit Sexarbeit, Armut, sozialer Herkunft, Adipositas oder Arbeitslosigkeit diskriminiert wird, kann sich bislang nicht auf dieses Gesetz berufen.16
a PWH = People With HIV = Menschen mit HIV








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