Sexuell übertragbare Infektion
Rezidivierende faziale Folliculitis

In mehreren Ländern wurden Fälle von rezidivierender fazialer Folliculitis durch Klebsiella aerogenes Typ 117 bei MSM dokumentiert – vermutlich durch sexuelle Transmission.

Monsel et al. beschreiben im Journal Emerging Infectious Diseases, das von der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC herausgegeben wird, eine multinationale Fallserie von 17 MSM mit rezidivierender K. aerogenes -Follikulitis Sequenztyp (ST) 117 im Gesicht (KAFF). Die Fälle wurden retrospektiv über Meldungen von Ärzten innerhalb der Arbeitsgruppe für dermatologische Infektiologie und sexuell übertragbare Infektionen in Paris, Lyon und Chambéry (Frankreich), Brüssel (Belgien) sowie Austin (Texas, USA) gesammelt.

Alle 17 Patienten waren MSM, das mediane Alter betrug 35 Jahre. Keiner der Patienten war HIV-positiv oder immunsupprimiert. Neun Personen nahmen eine HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) ein. 11 Personen hatten in der Vergangenheit (mehr als 10 Jahre zuvor) Akne, die mit Isotretinoin, Doxycyclin oder beiden behandelt wurde, gefolgt von einem langen symptomfreien Intervall vor Auftreten der Follikulitis. Acht Patienten gaben an, regelmäßig Gemeinschaftseinrichtungen (Whirlpools, Saunen, Schwimmbäder oder Fitnessstudios) zu nutzen.

Klinik

Abb. 1 Klinisches Bild KAFF-Läsionen
Abb. 1 Klinisches Bild KAFF-Läsionen

Die Läsionen waren ausschließlich im Gesicht lokalisiert, überwiegend im Bart- und Schnurrbartbereich (Abb. 1). Oberflächliche Läsionen waren follikuläre Pusteln oder entzündliche Papeln, tiefe Läsionen schmerzhafte, eitrige Knoten mit tieferem Follikelbefall oder gemischte Läsionen.

Die mediane Zeit vom Auftreten der Läsionen bis zur Diagnose betrug 7 Monate (IQR 1,5–16 Monate). Vor der Identifizierung von K. aerogenes erhielten die Patienten Antibiotika, die gegen grampositive Kokken gerichtet waren, jedoch ohne Besserung. Bei rezidivierenden oder persistierenden Fällen zeigten wiederholte Kulturen konsistent K. aerogenes. Nasenabstriche waren bei 8 (73 %) von 11 getesteten Patienten positiv. Mykologische Proben blieben negativ, sodass eine Tinea barbae ausgeschlossen werden konnte. Die mediane Krankheitsdauer betrug 23 Monate (IQR 9–54 Monate).

Rezidive

Dreizehn Patienten sprachen zunächst auf die gezielte Antibiotikatherapie an, erlitten jedoch innerhalb von 1–3 Wochen nach Behandlungsende einen Rückfall. Insgesamt erreichten 12 Patienten keine Heilung, zwei eine anhaltende Remission, zwei befanden sich noch in Behandlung und ein Patient schloss die Nachsorge nicht ab.

Mikrobiologie

Ausgewertet wurden 24 K. aerogenes -Isolate von 17 Patienten, wobei bei erneuten Erkrankungen oder Verlaufsuntersuchungen mehrere Isolate pro Patienten vorlagen. Alle Isolate gehörten zum K. aerogenes Sequenztyp 117 mit einer Ausnahme eines ST117-ähnlichen Isolats (1FOLC4) mit einer Nukleotidvariante bei rplB. Ein Isolat (1FOLB1) entwickelte das sul2 Gen, das eine Sulfamethoxazol-Resistenz vermittelt, was bei früheren Isolaten dieses Patienten nicht der Fall war. Weite Resistenzmutationen wurden nicht nachgewiesen.

Die genetische Diversität und Verwandtschaft wurde mittels phylogenetischer Analyse mit SNIppy Version 4.6.0 (https://github.com/tseemann/snippy) bewertet. Als Referenzgenom diente der Stamm 1FOLA5. In die Analyse einbezogen wurden vier weitere K. aerogenes ST117-Isolate vom französischen Nationalen Referenzzentrum für Carbapenemresistenzen, die nicht mit Follikulitisfällen in Zusammenhang standen, sowie Genome aus einer früheren Studie.

Stamm 117

Die mit Follikulitis assoziierten Isolate unterschieden sich deutlich von den nicht verwandten ST117-Isolaten (>520 Einzelnukleotid-Polymorphismen [SNPs]), gruppierten sich jedoch unabhängig vom geografischen Ursprung zusammen. Innerhalb dieses Clusters lagen die paarweisen Abstände bei 1–159 SNPs; bei den meisten Isolaten lagen sie zwischen 60 und 80 SNPs. Angesichts einer geschätzten Evolutionsrate von 7–10 SNPs pro Jahr bei Enterobacterales deuten diese beobachteten Abstände auf einen kürzlich gemeinsamen Vorfahren hin und unterstützen die Annahme einer erst vor Kurzem erfolgten Entstehung und internationalen Verbreitung dieser Linie innerhalb miteinander verbundener sexueller Netzwerke von MSM.

Diskussion

Klebsiella aerogenes (früher Enterobacter aerogenes ) ist ein gramnegatives Stäbchenbakterium, das sowohl in der Umwelt als auch in der menschlichen Darmflora vorkommt und selten Auslöser von ambulant erworbenen Haut- und Weichteilinfektionen ist.

Bereits seit 2025 wurden in Frankreich, Belgien und Spanien Fälle rezidivierender fazialer Follikulitis durch K. aerogenes beobachtet. Betroffen waren ausschließlich MSM. Die Genomsequenzierung (von vier Isolaten aus Belgien ergab, dass sie alle dem Sequenztyp (ST) 117 angehören, was auf das Auftreten eines bestimmten Klons hindeutet. Leider wurden die in Frankreich und Spanien gemeldeten Isolate nicht sequenziert, sodass diese Hypothese nicht bestätigt werden kann.

Transmission

 -- Dr. Stefanie Sammet,Kommentar

Dr. Stefanie Sammet,
Dermatologische
Universitätsklinik Essen

Daran denken!

Mit Interesse habe ich den Beitrag der Kollegen Monsel et all gelesen. Wir Dermatologen im Klinikum Essen haben solche Infektionen bisher noch nicht gesehen. Für die Entstehung einer fazialen Follikulitis kommen differenzialdiagnostisch eine ganze Reihe anderer viel häufiger auftretenden Erreger in Frage, so dass man aus dermatologischer Sicht nicht primär an eine Klebsielleninfektion denkt. Bei der beschriebenen fazialen Follikulitis - ausgelöst durch Klebsiellen- handelt sich somit um eine sehr seltene Infektion, die bevorzugt bei MSM vorzukommen scheint.

Der nachgewiesene Erreger Klebsiella aerogenes gehört zu den Keimen, die es gerne feucht und warm mögen, d.h. z.B. Nassbereiche wie Saunen und Dampfsaunen sind ein perfektes Milieu für die Ausbreitung solcher Keime. Sollten sich solche Infektionen häufen, wäre eine genaue Anamnese über den möglichen Infektionsweg sinnvoll. Als Auslöser ist eine anal-orale Kontaktübertragung denkbar.

Fazit: Dran denken, gezielte Anamnese mit gezielter Erregersuche durchführen und spezifische Therapie einleiten!

Obwohl K. aerogenes nicht als sexuell übertragbarer Erreger gilt, vermuten die Autoren eine Übertragung durch engen Kontakt. Die Verteilung der Läsionen passt zu einer Exposition während oro-analer Kontakte. Direkte Belege für eine sexuelle Übertragung fehlen jedoch; es wurde keine Kontaktverfolgung durchgeführt, dokumentierte Übertragungsereignisse wurden nicht festgestellt.

Bei einigen Patienten wurden Rektalabstriche entnommen, um eine mögliche enterische Besiedlung zu untersuchen, jedoch konnte K. aerogenes nicht innerhalb der fäkalen Enterobacterales-Flora nachgewiesen werden. Die in der Fallserie dokumentierte nasale Kolonisation, die mit früheren Beschreibungen gramnegativer Follikulitis übereinstimmt, unterstützt die Hypothese, dass die Nasenhöhle ein Reservoir für K. aerogenes darstellt. In einer chinesichen Studie betrug berichtete über nasale Trägerquoten von etwa 30 % bei MSM. Diese Studie identifizierte zwei ST117-Stämme, was die internationale Verbreitung dieser Linie unterstützt.

Risikofaktoren

Die breite klinische Bandbreite – von oberflächlicher bis entstellender Follikulitis – lässt auf einen maßgeblichen Einfluss von Risikofaktoren schließen. Die strikte Lokalisation im Gesicht deutet auf regionale Einflussfaktoren wie Talgzusammensetzung und das mikroskopische Milieu des Haarfollikels hin. Der vorherige Einsatz systemischer Antibiotika – beispielsweise auch durch wiederholte Doxycyclin-Postexpositions­prophylaxe – kann das Haut- und ­Nasen­mikrobiom stören, die Ko­loni­sierungsresistenz verringern und so das Auftreten gramnegativer Bakterien wie K. aerogenes begünstigen.

Die therapeutische Behandlung von KAFF bleibt eine Herausforderung. Obwohl Trimethoprim/Sulfamethoxazol oder Fluorchinolone häufig zu einer scheinbaren klinischen Heilung führen, treten Rückfälle meist kurz nach Beendigung der Behandlung auf. Diese Rückfälle haben zur Überlegung nicht-antimikrobieller Ansätze geführt, so könnte beispielsweise eine orale Isotretinoin-Therapie durch die Reduktion der Talgproduktion und der Follikel-Reservoirs wirken. Weniger Antibiotikaexposition könnte auch dazu beitragen, die Antibiotika-assoziierte kutane Dysbiose wiederherzustellen.

Fazit

KAFF scheint eine seltene, vermutlich unterschätzte, vermutlich über ano-­oralen Kontakt sexuell übertragbare Erkrankung zu sein. Da K. aerogenes kein bekannter Hauterreger ist, wird diese Ursache einer rezidivierenden Folliculitis in der Diagnostik möglicherweise übersehen.

Monsel, G., Bleibtreu, A., Durupt, F., Rached, B., Yin, N., Martiny, D....Emeraud, C. (2026).
Recurrent Facial Folliculitis Caused by Klebsiella aerogenes Sequence Type 117 in Men who Have Sex with Men.
Emerging Infectious Diseases, 32(7), 1172-1176. https://doi.org/10.3201/eid3207.260572.


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