Reinhard Strametz, Wiesbaden
Second Victims – Wenn Behandelnde zu Betroffenen werden
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Unerwartete Zwischenfälle gehören – trotz evidenzbasierter Leitlinien und hoher Professionalität – zum klinischen Alltag. Besonders in den Bereichen Intensivmedizin, Pneumologie oder Infektiologie ist die Belastung durch potenziell vitale Therapieentscheidungen hoch. Aber auch in der niedergelassenen Praxis kann es zu unerwünschten Ereignissen und Notfällen kommen, z.B. eine unerwartete allergische Reaktion nach einer Injektion, eine starke Blutung bei einem kleinen chirurgischen Eingriff, usw. Der betroffene Patient ist das „Opfer“ („first victim“), der Behandelnde, der damit in die Rolle des „Täters“ gerät, kann aber auch zum Opfer („second victim“) des Zwischenfalls werden – man spricht vom sogenannten Second Victim Phänomen (SVP).
SECOND VICTIMS BRAUCHEN HILFE
Die emotionale Reaktion auf einen negativen Zwischenfall kann vielfältig sein: Schuldgefühle, Schlafstörungen, Flashbacks, sozialer Rückzug, eine kritische Selbstwahrnehmung oder das Aufkommen defensiver Medizin sind häufige Symptome. Besonders tragisch ist, dass nicht etwa die Angst vor juristischen Konsequenzen als Hauptbelastung empfunden wird – sondern der Verlust des Vertrauens in die eigene Kompetenz. Durch die gesteigerte Angst vor künftigen Fehlern, das häufigste Symptom eines Second Victim Phänomens, kommt es im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung tatsächlich zu deutlich mehr Fehlern bei der Behandlung künftiger Patienten. Second Victims durchlaufen, basierend auf den Erkenntnissen von Susan Scott sechs verschiedene Stadien (Abb. 1). Entscheidend hierbei ist die abschließende Verarbeitung dieser natürlichen menschlichen Reaktion, die entweder in konstruktivem Wachstum, einer dauerhaft dysfunktionalen Verarbeitung bei Verbleib im Beruf oder sogar dem Berufsausstieg mündet.

Abb. 1 Die Sechs Stadien des Second Victim Phänomens nach Susan Scott (2009)
STRUKTUR STATT ZUFALL

Abb. 2 Das Fünf-Stufen-Modell zur Unterstützung von Second Victims nach Seys et al., mit deutscher Beschriftung und gelb hervorgehobener Stufe 3 (Peer Support)
Das europäische Second Victim Forschungsnetzwerk ERNST hat auf Basis einer systematischen Literaturrecherche ein Fünf-Stufen-Modell entwickelt, das die psychosoziale Unterstützung systematisch strukturiert (Abb. 2):
- Prävention – Maßnahmen, um das Auftreten unerwünschter Ereignisse zu vermeiden: z.B. Schulungen, Sicherheitskultur und klare Kommunikation.
- Selbstfürsorge – Unterstützung zur persönlichen Stabilisierung direkt nach einem Vorfall: Raum zur Reflexion, Ruhezeiten, Austausch mit vertrauten Kolleginnen und Kollegen.
- Peer Support – Kollegiale Hilfe durch empathisch geschulte Peers mit ähnlichem Erfahrungsrahmen; niedrigschwellig, aber hochwirksam.
- Strukturierte professionelle Unterstützung – Zugang zu psychoso-zialer Beratung, Supervision oder Therapie, wenn Belastungen andauern.
- Strukturierte klinische Unterstützung – Bei schweren Verläufen: qualifizierte psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung (ambulant oder stationär).
PEER SUPPORT HILFT
Weiterführende Angebote
PSU Helpline des Vereins PSU Akut e.V., Kollegiale Unterstützung bei besonderen Belastungssituationen und schwerwiegenden Ereignissen im Gesundheitswesen, täglich erreichbar von 900 bis 2100 Uhr unter der Telefonnummer: 0800-0911912
Kostenloser Onlinekurs über das Second Victim Phänomen des Europäischen Forschernetzwerks zum Second Victim Phänomen (ERNST) auf Deutsch und weiteren Sprachen:
Die Stufe 3 des Modells – der Peer Support – gilt als Herzstück der Versorgung von Second Victims. Kollegiale Unterstützung bietet eine besonders akzeptierte, weil niedrigschwellige und fachlich kontextualisierte Hilfe. Programme wie „RISE“ (Johns Hopkins), „forYOU“ (Missouri) oder „MITSS“ (Boston) haben den Erfolg dieses Ansatzes wissenschaftlich untermauert. Doch nicht nur medizinisch und psychologisch ist Peer Support sinnvoll – auch ökonomisch: Eine kürzlich in Deutschland durchgeführte Modellrechnung anhand eines 1.000-Betten-Krankenhauses zeigt: Ein strukturiertes Peer-Support-Programm spart jährlich ca. 6,67 Millionen Euro. Kein Vergleich zu den sehr überschaubaren Kosten der Implementierung eines Peer Support Programmes.
BEISPIELE AUS DER PRAXIS
In Deutschland sind erste Ansätze bereits etabliert: Der Verein PSU Akut e.V. bietet über die PSU-Helpline eine vertrauliche Anlaufstelle für medizinisches Personal in Belastungssituationen. Auch einzelne Kliniken – etwa in Bayern, Hessen oder Österreich – haben Peer-Support-Programme mit ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen eingeführt, die im Sinne einer ‚emotionalen Ersten Hilfe‘ fungieren.
FAZIT: MITARBEITERWOHL IST PATIENTENSICHERHEIT
Die Unterstützung von Second Victims ist ein elementarer Bestandteil einer modernen, patientenzentrierten Gesundheitsversorgung. Sie erfordert Führungsverantwortung, strukturelle Unterstützung und die Bereitschaft zur kulturellen Veränderung. Organisationen, die ihren Mitarbeitenden diese Hilfe aktiv anbieten, schützen nicht nur das Personal – sie sichern auch die Qualität der Versorgung. Denn eines ist sicher: Fehler wird es auch in Zukunft geben. Die Frage ist nur, ob die Betroffenen danach allein sind – oder unterstützt.
Literatur beim Verfasser








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